April 22, 2017

Newton MessagePad 2000 mit macOS Sierra aufsetzen

Auch heutzutage kann man ein Apple Newton MessagePad 2000 mit einem aktuellen Mac aufsetzen – es braucht Kabel, Adapter und (freie) Software.

Newton MessagePad 2000 mit macOS Sierra aufsetzen

Seit zwei Wochen bin ich stolzer Besitzer eines Apple Newton MessagePad 2000. Hab's bei eBay für zu viel Geld erstanden. Dafür ist es aber quasi wie neu und kam in Originalverpackung mit allerlei Handbüchern, Kabeln, Adaptern, Akkupack, Batteriehalter und – die Älteren werden sich erinnern – 3.5" Disketten, auf denen allerlei Software für den Newton, für Mac mit OS < 10 und für Windows (sic!) ist.
Zeit, einmal niederzuschreiben, wie man das Ganze in Betrieb nimmt.

Verbindung mit macOS Sierra

Nachdem die Inbetriebnahme vermöge der Stromversorgung durch vier AA Batterien glatt über die Bühne lief (vier AA 1.2V Akkus gehen übrigens auch!), stellte sich also unmittelbar die Frage: wie kommt denn die Software da eigentlich drauf, heutzutage, ohne antiken Mac und ohne Windows und ohne 3.5" Floppy Laufwerk?

Erstmal seriell

Das MP2000 hat einen sogenannten Interconnect Port. Das ist eine proprietäre Schnittstelle, die allerlei kann. Unter anderem beinhaltet sie auch eine gewöhnliche serielle Schnittstelle (RS-422, eine bessere Variante von RS-232: höhere Geschwindigkeiten und weitere Strecken).
Interconnect Port des Newton MP2000

Dann gibt es da als original Newton Zubehör einen Dongle für eben diesen Interconnection Port. Der Dongle führt die serielle Schnittstelle heraus – nur leider nicht direkt in den seinerzeit eigentlich üblichen, 9-poligen D-SUB Port, sondern einen runden mini-DIN Port:
Newton Serial Dongle

Meinem Erwerb lagen auch zwei original Kabel bei, darunter eines, was am einen Ende so einen runden mini-DIN Stecker hat und am anderen Ende die bekannte D-SUB Buchse. Damit wäre man jetzt schon zufrieden, wären wir noch im PC-Zeitalter der 90er/00er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Was wir brauchen, ist ein USB-Stecker, mit dem wir in einen heutigen Mac (von mir aus auch PC) können.

Kabel bauen oder kaufen?

Glücklicherweise gibt es derlei seriell-zu-USB-Umsetzer fast wie Sand am Meer. Da reicht aber kein reines Kabel, es braucht eine kleine Elektronik dazwischen. Und diese gibt es mit verschiedenen Chipsätzen. Wenn man einen aktuellen Mac (ich schreibe dies 2017, als macOS Sierra aktuell ist) mit einem Newton erfolgreich verbinden möchte, sollte man darauf achten, dass man so ein seriell-zu-USB-Kabel mit einem FTDI Chipsatz wählt. Denn: der für macOS notwendige Treiber für diesen Chipsatz ist in macOS (zumindest Sierra) bereits enthalten.

Ich bin ja nebenbei auch Hobby-Elektronikbastler und besitze einige kleine seriell-zu-USB "Boards", weil man die bisweilen zur Programmierung von Microcontrollern braucht. Auch habe ich solche mit FTDI Chipsatz und ich habe natürlich erstmal versucht, mir da ein entsprechendes Kabel selbst zu bauen. Leider ohne Erfolg. Keine Ahnung, warum.

Man kann sich aber die Zeit, die man damit verschwendet, so ein Kabel selbst zu bauen, durch den Einsatz von knapp 13 Euro ersparen, indem man dieses UGREEN Kabel[1] kauft. Funktioniert bei mir bestens – sogar dann noch über einen USB-A-auf-USB-C-Adapter am MacBook Pro. Sieht dann alles in allem so aus:

Verbindung MP2000 mit MacBook Pro

Man sieht rechts unten das Message Pad 2000, daran den (original Apple) Interconnection-Port-auf-seriell-Dongle, daran das (original Apple) serielle Kabel (mini DIN auf D-SUB), daran das UGREEN D-SUB auf USB-A Kabel und schließlich einen USB-A auf USB-C Adapter (der natürlich bei älteren Macs ohne USB-C nicht nötig ist).

Dass das tatsächlich funktioniert, konnte ich dank der tollen Software NCX (s.u.) erfolgreich verifizieren.

Der hippe Profi allerdings verbindet sein Newton MessagePad nicht mit so einer altertümlichen Technik, sondern drahtlos mit dem Mac. Doch dazu später einmal mehr in einem separaten Artikel – meine PCMCIA WiFi Karte ist schon unterwegs zu mir!

Sync-Software für macOS

So. Schön, dass der Newton jetzt mit einem heutigen Mac physisch verbunden ist – aber die alte Original-Software von Apple (die auf den 3.5" Disketten) können wir heute unter macOS / OS X nicht mehr laufen lassen.
Da sind wir Simon Bell von Newton Research zu großem Dank verpflichtet, denn seine Software Newton Connection for OS X ("NCX") ist hier the missing link. Herunterladen, DMG mounten, App auf die Platte/SSD des Mac kopieren und starten. Dann einmal in die Preferences und dort auf den Serial Bereich gehen:
Serial Einstellungen von NCX
Hier müssen wir bei "Use Serial Port" jetzt genau den Eintrag auswählen, der im Mac neu entstanden ist, als wir das UGREEN Kabel angesteckt haben (das macht der FTDI Chipsatz im Kabel). (Für die Unix Experten: in /dev ist ein neues tty* Gerät dazu gekommen.) Haltet in der Drop-Down-Liste Ausschau nach einem Eintrag, der mit usbserial- beginnt und wählt diesen aus (der heißt bei jedem Kabel anders, aber immer gleich, auch wenn er zufällig aussieht):
Seriellen Port auswählen
Dann muss man noch wissen, dass die Standard-Geschwindigkeit, mit der sich der Mac und der Newton jetzt über die serielle Verbindung unterhalten wollen 38.400 baud ist. Sollte dies bei "Serial Speed" also nicht ausgewählt sein, so wählt das erst einmal aus:
Verbindungsgeschwindigkeit auswählen
Als nächstes – die Kabelverbindung habt ihr ja hergestellt?! – schauen wir auf den Newton, gehen dort in die Extras ...
Newton Extras

und starten die Dock App (ggfs. vorher in der Titelleiste "All Icons" auswählen), falls die Dock App nicht zu sehen sein sollte):

Dock App starten

Die einzige Einstellung der Dock App ist die Verbindungsart und dort ist "Serial" schon vorausgewählt. Merke: dieser "Serial" Eintrag bedeutet also eine 38.400 baud Verbindung.
Ein Klick auf den "Connect" Button startet die Verbindung mit NCX, was auf dem Mac läuft und schon darauf gewartet hat. Falls das nicht klappt, auf dem Newton den "Stop" Button klicken, auf dem Mac das NCX Fenster (nicht die App!) schließen – z.B. mit ⌘W oder Klick auf die rote Kugel oben links –, mit ⌘N ein neues Fenster öffnen und auf dem Newton den Verbindungsaufbau nochmal starten.

Bei Erfolg zeigt NCX dann den Newton und seine Daten an:
Screenshot NCX

Packages und der Jahr-2010-Bug

Die wichtigste Funktion ist sicher das Aufspielen von Packages auf den Newton.
Packages installieren geht entweder vom Mac aus – ⌘I ist hier der Shortcut – oder auch vom Newton aus in der Dock App über das Icon "Install Package":

Screenshot Install Package

Man kann dann tatsächlich auf dem Newton im Filesystem des Mac umherwandern und nach der zu installierenden .pkg oder .newtonpkg Datei suchen. Am Mac mit ⌘I geht's aber i.d.R. schneller. 😉

Da alle Newtons mit NewtonOS 2.x vom sogenannten Jahr-2010-Bug betroffen sind, spielt man als erstes mal den entspr. Fix für diesen Bug auf und bringt das MessagePad damit auf Patchlevel 711000[2].
Übrigens: nicht wundern, wenn NCX jetzt nicht 711000 hinter der OS Version anzeigt, der Newton selbst aber schon (Extras, i, Memory Info): das scheint ein Bug in NCX zu sein. Ich habe dazu den Autor, Simon Bell, angeschrieben und seine Antwort darauf lautet:

Here’s what I THINK is happening: the latest ROM Apple released was version 717260, and patch 711000 was created to fix the 2010 problem. NCX gets your OS version from a Newton ROM call (kGestalt_SystemInfo to be exact) so I’m thinking the 711000 patch doesn’t update whatever’s needed to identify itself to that ROM routine. Annoying, but not something to worry about I would say. If I find the time(!) I’ll dig deeper.

Mehr Speed

38.400 baud sind ja ganz schön, aber der Newton kann deutlich mehr, auch wenn er das von sich aus erstmal nicht anbietet. Im NCX Disk Image gibt es einen Ordner Newton Packages und darin ein Package Ser115200.newtonpkg. Wenn man dies auf dem Newton installiert, kann NCX mit 115.200 baud mit ihm sprechen. Aber nicht vergessen, das dann auch in NCXs Serial Einstellungen auszuwählen und beim Newton in der Dock App vor dem Start des Verbindungsaufbaus statt "Serial" den jetzt neuen Eintrag "Serial 115200" wählen. 😉

Screenshots

Die Newton-Screenshots, die ihr hier seht, sind auch mit NCX gemacht. Das ist ganz einfach. Man geht in NCX einfach links auf den Eintrag "Display" und klickt auf "Take Screenshot". Das braucht aber auch auf dem Newton noch eine kleine Software und wenn man das zum ersten Mal macht, fragt einen NCX, ob diese installiert werden soll. Das klappt dann bei Bejahung automatisch und ab dann wird man das auch nicht mehr gefragt.
Die Dock App auf dem Newton verschwindet, so dass man Gelegenheit hat, das herzurichten, was man abfotografieren möchte. Nach dem Klick auf "Take Screenshot" dauert es übrigens ziemlich lange (auch bei 115.200 baud kann das mal bis zu 30 Sekunden dauern), ehe der Screenshot in NCX erscheint. Und da ich in NCX keinen "Save" oder "Export" Button oder Menüeintrag gefunden habe, habe ich bisher immer den Screenshot mit der Maus in den Finder gezogen und dort fallengelassen. So entsteht eine TIFF Datei. Die kann man prima in der macOS Preview App öffnen, bearbeiten und z.B. als PNG exportieren.
Das alles klappt übrigens auch, wenn man das MessagePad im Querformat betreibt:

Newton Screenshot Beispiel

Damit die Dock App auf dem Newton wieder erscheint (denn die läuft ja noch im Hintergrund, die Verbindung ist ja auch noch hergestellt), wechselt man in NCX link von "Display" wieder auf den ersten Eintrag, der i.d.R. den Namen des Newton Besitzers zeigt (wenn man die entsprechende Einrichtung auf dem Newton gemacht hat).

Abschließende Bemerkungen

Man kann mit NCX auch die Mac Tastatur als Tastatur für den angeschlossenen Newton verwenden – das klappt einwandfrei! 😃

NCX verhakt sich manchmal und dann hängt die Verbindung. Oder die Dock App auf dem Newton hängt. Oder das Ausblenden der Dock App vor Screenshots klappt nicht. Dann am besten Ruhe bewahren und auf beiden Geräten die Apps beenden, das Kabel an beiden Geräten abziehen und alles nochmal schön in Ruhe von vorn versuchen. Dann klappt es meistens.
Ich hatte es auch schon, dass NCX auf meinem Sierra MacBook Pro nicht mehr starten wollte: das Icon hüpfte und hüpfte, die CPU-Last stieg und als es ausgehüpft hatte, blieb es im Dock – aber ohne Punkt drunter und das Fenster & Menü erschien auch nicht. Das konnte ich fixen, indem ich erstmal die noch laufende NCX App gekillt und dann in ~/Library/Application Support die Ordner Newton und Newton Connection und in ~/Library/Preferences die Datei com.newton.connection.plist gelöscht habe.

Ausblick, Ressourcen & Dank

Es stellen sich natürlich noch weitere Fragen, wenn man in die Newton-Welt eintaucht:

  • Kann man das original Akku-Pack noch retten?
  • Oder, alternativ: kann man ein neues Akku-Pack bauen?
  • Kann man Daten, beispielsweise Adressen im- und exportieren?
  • Kann man den Newton auch in ein heutiges LAN bringen?
  • Vielleicht sogar drahtlos ins WLAN?
  • Kann NCX dann auch drahtlos statt über ein serielles Kabel mit dem Newton sprechen?
  • Kann man dann mit dem Newton auch ins Internet, websurfen, emailen?
  • Wie schreibt man Programme für den Newton?

Gut, dass Matt Gemmel schonmal über das Thema gebloggt hatte, als er seinen eMate 300 bekam und vor ähnlichen Fragen stand.

Ein riesiger Dank geht auch an Frank Gründel von pda-soft.de, den ich als den deutschsprachigen Experten für alle Themen rund um Newton kennengelernt habe. Mittlerweile habe auch auch über ihn einen eMate 300 in top Zustand inkl. neuem Akku-Pack und reparierten Scharnieren, ein original Newton Netzteil und auch eine original deutschsprachige(!) Newton Tastatur erstanden!

Apple eMate

Und schließlich gibt es da die Newton Mailingliste NewtonTalk – allerdings finde ich Mailinglisten etwas angestaubt und nutze lieber das Slack-Team-Pendant, auch wenn dort (noch?) etwas weniger traffic ist. Es sind aber dennoch viele nette und v.a. kompetente Newton Fans auch dort unterwegs. (Darüber habe ich z.B. eine PCMCIA WiFi Karte und eine PCMCIA Speicherkarte im Zulauf – aus Schottland! Auf eBay sind viele Newton-Dinge viel zu teuer!).

Nicht vorenthalten darf ich euch das "UNNA", das "United Network of Newton Archives" – die umfangreichste Sammlung von Newton Software und Dokumenten aller Art.

Dann noch das umfangreiche Glossar von Newton Fachbegriffen und das ebenfalls sehr umfangreiche Newton FAQ.

Zur Programmierung empfiehlt sich als Einstieg sicher newtonscript.org und vielleicht auch Steve Weyer’s Newt Umgebung, die auf einem Newton läuft.

Interessant vielleicht auch die Top 20 "must haves" Newton Apps Liste. Die allseits beliebte App "Dash Board" ist übrigens mittlerweile Open Source und auf GitHub verfügbar! 😉

Demnächst finde ich hoffentlich dann mal wieder die Zeit, einen weiteren Artikel zu schreiben, in dem ich dann einige der obigen Fragen beantworten kann.


  1. Affiliate Link ↩︎

  2. Achtung: für einen Newton eMate 300 gibt es dafür einen anderen Patch. ↩︎